Da kann sich die Welt noch so schnell in der AI-Spirale drehen, eine der fundamentalen Maximen aus der IT lautet: Je moderner und wichtiger die Infrastruktur, desto häufiger ist die Software dahinter uralt.
Beispiel gefällig? In Behörden und Verwaltung laufen Fachverfahren vielerorts immer noch auf Windows 7; Wartungs- und Diagnosesoftware im ÖPNV basiert stellenweise gar noch auf Windows 2000. Auch in der Industrie ist das Bild ähnlich: Maschinensteuerungen nutzen 25 Jahre alte Software, ganze Produktionsanlagen laufen auf Windows XP.
Sind sie alle in der Zeit stecken geblieben? Natürlich nicht. Denn zunächst arbeitet alte Software oft zuverlässiger und vorhersagbarer als Bleeding-Edge-Technologie. Vor allem aber sind die Systeme oft über Jahre gewachsen und lassen sich nicht einfach mir nichts, dir nichts austauschen. Und wo wir gerade über alte Microsoft-Produkte reden …
Ein typischer Fall, der uns in diesem Zusammenhang oft begegnet, ist dieser: Ein Unternehmen will in den E-Commerce einsteigen oder seinen bestehenden Onlinestore endlich zeitgemäß relaunchen. Dabei entscheidet es sich für Shopware – im Hintergrund allerdings werkelt bereits seit vielen Jahren ein MS-Navision ERP, das natürlich an das E-Commerce-System angebunden werden soll.
In diesem Beitrag zeigen wir, wie dieses Zusammenspiel von Shopware und Navision funktioniert. Wie erfolgt die technische Integration? Wo liegen die Herausforderungen? Und wie lautet unsere wichtigste Handlungsempfehlung, wenn du selbst mit einem Setup aus Navision und Shopware liebäugelst?
Doch zunächst …
Shopware x Navision: Wer ist das genau?
Sollte dir der eine oder andere Name nicht geläufig sein, stellen wir dir die beiden Systeme kurz vor.
Das ist Shopware
Shopware ist eine in Deutschland entwickelte E-Commerce-Plattform für den Aufbau moderner Onlineshops. Sie verbindet eine flexible Storefront mit einem modularen Backend und lässt sich über APIs individuell erweitern.
Besonders stark ist Shopware in Sachen Flexibilität sowie im Einsatz für B2B-Szenarien und komplexe Produktwelten. Damit eignet sich die Plattform besonders für Unternehmen, die anspruchsvolle Sortimente und individuelle Kaufprozesse digital abbilden wollen.
Das ist Navision
Navision (auch bekannt als Microsoft Dynamics NAV) ist ein ERP-System zur Steuerung zentraler Geschäftsprozesse in Unternehmen. Es bildet vor allem Bereiche wie Finanzen, Warenwirtschaft, Einkauf und Produktion in einer integrierten Lösung ab.
Seine Stärken liegen in der durchgängigen Prozesslogik und der engen Verzahnung betriebswirtschaftlicher Daten. Damit eignet sich Navision besonders für mittelständische und größere Unternehmen mit komplexen Abläufen, die ihre operativen Prozesse zentral und strukturiert steuern wollen.
Der springende Punkt: Navision als Legacy System
Also: Shopware ist eine moderne E-Commerce-Plattform und Navision ein mächtiges ERP-System. Und auch, wenn wir ihn in der Einleitung bereits erwähnt haben, möchten wir nochmals auf den Casus knacksus an der ganzen Geschichte zu sprechen kommen:
Kein Unternehmen der Welt steht auf der grünen Wiese und sagt: „Lass uns doch mal Navision für das Ressourcenmanagement einführen und unseren E-Commerce mit Shopware abwickeln.“ In 99,9 Prozent aller Fälle ist Navision schon seit vielen Jahren da und Shopware kommt später.
Warum ist das so bedeutsam? Weil Navision als ERP mit dem Unternehmen mitgewachsen ist. Im Laufe der Jahre kamen immer neue Module dazu, wurden Custom Solutions entwickelt und der ein oder andere Workaround eingebaut. Das eine, standardisierte Navision existiert nicht – und was an Shopware angebunden werden soll, ist oft ein Knäuel aus Spaghetticode und verworrenen Datenstrukturen.
Dementsprechend gibt es für die Verbindung zwischen Shopware und Navision auch keine universelle Schnittstelle. Werfen wir also einen Blick darauf, wie sich Navision und Shopware miteinander verknüpfen lassen.
Navision x Shopware – So läuft die Integration

Auf das Wesentliche kondensiert, gibt es drei unterschiedliche Möglichkeiten, um Navision an einen Shopware Store anzubinden:
Schnittstelle zwischen Navision und Shopware
Als allumfassendes ERP-System besitzt Navision zunächst natürlich Schnittstellen (APIs, Application Programming Interfaces), über die es mit externen Programmen kommunizieren kann. Dabei ist wichtig zu wissen, dass eine Schnittstelle Daten nicht verändert – sie kommen genauso raus, wie sie reingekommen sind. Das ist in der Praxis oft nicht sinnvoll oder auch nur systemkompatibel.
Prinzipiell kannst du dir eine solche API also vorstellen wie ein einfaches Kabel: Aus der E-Gitarre fließt ein Audiosignal an den Verstärker und wird von selbigem ausgegeben. Dabei klingt der Ton genauso, wie du ihn auf dem Instrument anschlägst.
Middleware zwischen Navision und Shopware
Deutlich komplexer ist eine Middleware, die sich als eigens programmierte Software wie eine Art Adapter zwischen ERP und Shop setzt. Sie ist in der Lage, Daten zu verändern und so aufzubereiten, wie sie an ihrem Zielort benötigt werden. Als winzig kleines Beispiel: Das ERP schreibt ein Datum als yyyy/mm/dd und der Store im Format dd/mm/yy? Die Middleware schreibt es um.
Und als Bild: Wenn du ein Effektmodul zwischen deine E-Gitarre und den Verstärker schaltest, wäre das eine Middleware. Du kannst den Output über Regler anpassen und einen Ton erzeugen, der im Extremfall nicht mehr klingt wie eine Gitarre, sondern wie ein quakender Frosch.
Verbindung über Navision-Extensions
Zuletzt existiert noch der Spezialfall der Navision-Extension. Strenggenommen handelt es sich hierbei ebenfalls um eine Middleware, mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie nicht extern zwischen ERP und Shop liegt, sondern ein fester Bestandteil der Navision-Infrastruktur ist. Diese Extensions werden von Drittanbietern entwickelt und lassen sich genauso installieren wie jedes andere Navision-Modul auch.
In diesem Kontext ist Shopware inzwischen mehrere strategische Partnerschaften eingegangen, um die Entwicklungen der Extensions weiter voranzutreiben und auf dem neuesten Stand zu halten. Dabei gilt in der Praxis allerdings: Auch die beste Extension ist keine Universallösung, die out-of-the-box für jedes beliebige Navision funktioniert. Was du bekommst, ist ein Framework, das in seinen Details immer genau an deinen Use Case angepasst werden muss.
Und um unser Gitarrenbild zu vervollständigen: Wenn du mit deiner Klampfe zum Gitarrenbauer gehst und dir dort ein Effektmodul direkt in den Korpus einbauen lässt, dann wäre das die Extension.
Addendum: In welche Richtung Daten fließen können (und müssen)
Eine Sache noch, damit unsere Gitarren-Metapher keinen falschen Eindruck erzeugt: Anders als zwischen Instrument und Verstärker können Informationen zwischen Store und ERP bidirektional fließen. In der Praxis ist das auch dringend notwendig, wie dir dieses Beispiel zeigt:
Du bietest einen Artikel in begrenzter Stückzahl an und verkaufst einen davon über deinen Onlinestore. Der Store schickt die Information ans ERP, das den Lagerbestand entsprechend reduziert. Wie viel Ware sich jetzt noch im Lager befindet, funkt das ERP dann zurück an den Shop und berücksichtigt dabei natürlich auch Verkäufe, die im selben Zeitfenster über andere Kanäle stattgefunden haben.
Shopware x Navision: Wann die Daten fließen

Fast genauso wichtig wie die Frage, über welchen Kanal Daten zwischen ERP und Shop fließen, ist die Frage, wann sie fließen. Denn jede einzelne Information sofort durch die Leitungen zu jagen und permanent up to date zu halten, ist weder performant noch praxistauglich. Grundsätzlich gibt es daher drei Varianten:
Informationsaustausch in Echtzeit
Sobald eine Änderung eintritt, wird das ERP, respektive der Store, darüber informiert. Dabei erfolgt der Datenaustausch automatisiert und innerhalb von Millisekunden.
Der Informationsaustausch in Echtzeit ist immer dann sinnvoll, wenn die neue Datenlage unternehmenskritisch ist. Also beispielsweise, wenn Waren nur in stark begrenzter Stückzahl vorhanden sind oder als Make-to-Order-Artikel geliefert werden.
Informationsaustausch zu einem festgelegten Zeitpunkt
Weiterhin ist es möglich, Informationen zu einem bestimmten Zeitpunkt hin- und herzuschicken, also etwa jeden Tag um Mitternacht.
Dieses Vorgehen bietet sich immer dann an, wenn Daten zwar weitestgehend aktuell, aber nicht sekundengenau aktuell sein müssen. Denke zum Beispiel an Verkäufe von Waren, mit denen du großzügig bevorratet bist. Hier reicht es aus, einmal am Tag die Verkaufszahlen zu checken und den Lagerbestand entsprechend zu aktualisieren.
Informationsaustausch auf Anstoß
Zuletzt lässt sich der Datenaustausch immer auch manuell anstoßen: Informationen werden nur dann aktualisiert, wenn du den Vorgang freigibst.
Sinnvoll ist dieser Weg bei allem, was sich selten verändert oder vor dem Livegang genau kontrolliert werden sollte; also etwa Preislisten, die nur einmal im Quartal angepasst werden, oder auch aktualisierte Produktbeschreibungen für deine PDPs.
Zwischenfazit: Wie gut funktioniert die Integration von Navision in Shopware?
Drei Wege, ERP und Store miteinander zu verbinden, drei Varianten, wann die Daten fließen sollen. Damit lässt sich in der Praxis so gut wie jeder Use Case abbilden. Damit es dabei nicht zu Heulen und Zähneknirschen kommt, zählt vor allem:
Jede Anbindung ist ein Custom Build
Es spielt keine Rolle, ob die Integration über Schnittstellen, Middleware oder eine Extension erfolgen soll – der Fall, dass alles direkt out-of-the-box funktioniert, wird bei einer Verknüpfung von Shopware und Navision so gut wie nie vorkommen. Dafür gibt es einfach zu viel anzupassen und zu beachten. Sollte dir also jemand erzählen, das sei ein Job für einen Nachmittag, dann sitzt du gerade einem ziemlich ahnungslosen Schwätzer gegenüber.
Auf die Datenqualität kommt es an
Selbst die ausgefeilteste Middleware der Welt ist machtlos, wenn die Daten, die sie bekommt, in etwa die Qualität eines osteuropäischen Automobils aus der Sowjetära haben. ITler nennen dieses Prinzip auch SHISHO – denn wo Unrat reinkommt, kann auch nur Unrat rauskommen.
Es ist daher extrem wichtig, dass auf deiner Seite jemand sitzt, der sich mit deinem ERP auskennt und sämtliche Daten so aufbereitet, dass die Crew, die sich um den Store kümmert, mit ihnen etwas anfangen kann. Für eine mächtige Plattform wie Navision sind das in der Regel eigene Navision-Consultants, die Microsoft seiner Key-Account-Kundschaft zur Verfügung stellt.
Navision x Shopware: Wo die Pain Points liegen

Nochmal auf den Punkt gebracht: Eine vollständige Integration von Shopware in Navision (oder Navision in Shopware – je nach Blickwinkel) ist immer möglich, wenn du akzeptierst, dass es ein Custom Job wird und die Datenqualität stimmt. Allerdings gibt es eine Handvoll Punkte, die immer wieder Probleme bereiten:
Große Datenmengen
Große Datenmengen verträgt Navision erfahrungsgemäß nicht besonders gut. Wenn ständig Gigabytes an Informationen hin- und hergeschaufelt werden müssen, kommt es schnell zu Hängern und Aussetzern.
Allerdings lässt sich dieser Schwachpunkt mit der nötigen Expertise abstellen. Zum Beispiel indem die Middleware die Daten in verdauliche Häppchen zerlegt und paketweise abarbeitet. Haben wir schon erwähnt, dass es für ein Navision x Shopware-Setup keine Lösung von der Stange gibt?
Edge Cases
Standardprozesse wie Rechnungen, Bestellungen oder Kundendaten machen bei der Systemverknüpfung relativ selten Ärger. Was problematisch werden kann, sind dagegen die Fälle am Rande des Denkbaren, die nur dein Unternehmen und dein Unternehmen allein betreffen.
Ein Beispiel aus unserer bisherigen Arbeit: Einer unserer Kunden besitzt eine Fiskalniederlassung in der Schweiz und alle Bestellungen, die aus Liechtenstein in seinem Store eintreffen, müssen über diese Fiskalniederlassung laufen. Dass weder Shopware noch Navision auf so einen Fall vorbereitet sind, versteht sich wahrscheinlich von selbst.
An solchen Stellen braucht es zwingend Workarounds – außerdem Erfahrung und klare Kommunikation zwischen allen Beteiligten, um überhaupt erst auf diese und ähnliche Ausnahmen aufmerksam zu werden.
Zu viel Klein-Klein bei den Preislisten
Gerade im B2B ist oft zu beobachten, dass Unternehmen ihre Legacy-Preisstrukturen über Jahrzehnte mitschleppen. Dass die Firma Müller 3,2 Prozent Rabatt bekommt, wenn sie sonntags einkauft, und Firma Schmidt 3,4 Prozent Rabatt an geraden Kalendertagen, lässt sich in Navision zwar darstellen, Shopware ist auf ein solches Preischaos allerdings nicht ausgelegt.
Zwar ließe sich das auch dort alles irgendwie umsetzen – die Frage lautet aber immer: Rechtfertigt der Aufwand den Nutzen? Oder wäre es nicht doch besser, die Gelegenheit beim Schopf zu packen, endlich für klar strukturierte Preise zu sorgen und sowohl Firma Müller als auch Firma Schmidt die 3,4 Prozent Rabatt anzubieten?
Navision x Shopware: Das finale Fazit
Die technische Verbindung zwischen Shopware und Navision ist also selten das größte Problem. Die eigentliche Herausforderung liegt oft an anderer Stelle, nämlich in gewachsenen Geschäftsprozessen, individuellen Sonderlogiken und über Jahre entstandenen Preis- und Rabattstrukturen.
Gerade bei komplexen B2B-Setups zeigt sich schnell, dass eine Integration nicht einfach nur Daten zwischen zwei Systemen austauscht. Häufig müssen bestehende Prozesse zunächst analysiert, vereinfacht oder neu gedacht werden, damit Shop und ERP sauber zusammenspielen können.
Deshalb lohnt sich die Zusammenarbeit mit einer Agentur, die nicht nur die technische Integration beherrscht, sondern Commerce-Prozesse ganzheitlich betrachtet. Wenn du dich weiter darüber informieren möchtest, wirf also auf jeden Fall einen Blick auf unser Angebot als Shopware-Partner-Agentur, sowie auf unsere weiteren Leistungen.
Ach, und mach dir keine Sorgen, wenn du das nächste Mal den ÖPNV nutzt. Windows 2000 war ein echt solides Betriebssystem.
FAQ – Shopware x Navision
Warum ist die Integration von Shopware und Navision oft so komplex?
Weil Navision in den meisten Unternehmen über viele Jahre individuell erweitert wurde. Eigene Module, Sonderlogiken und gewachsene Datenstrukturen sorgen dafür, dass es praktisch nie eine Standardlösung gibt. Jede Integration muss deshalb individuell geplant und umgesetzt werden.
Reicht eine einfache Schnittstelle zwischen Shopware und Navision aus?
Nicht immer. APIs eignen sich zwar für den Datenaustausch, stoßen aber schnell an Grenzen, wenn Daten umgewandelt, geprüft oder angereichert werden müssen. Deshalb kommen häufig Middleware-Lösungen oder speziell angepasste Extensions zum Einsatz.
Welche Daten sollten zwischen ERP und Shop synchronisiert werden?
Typischerweise betrifft das Lagerbestände, Bestellungen, Preise, Kundendaten und Produktinformationen. Welche Daten in Echtzeit synchronisiert werden müssen und welche nur periodisch aktualisiert werden, hängt stark vom jeweiligen Geschäftsmodell ab.
Was sind die häufigsten Probleme bei einem Shopware-Navision-Setup?
Besonders problematisch sind große Datenmengen, individuelle Sonderfälle sowie historisch gewachsene Preis- und Rabattstrukturen. Gerade im B2B-Bereich müssen bestehende Prozesse häufig zunächst bereinigt oder vereinfacht werden.
Worauf sollte man bei der Wahl einer Integrationsagentur auf jeden Fall achten?
Technisches Know-how allein reicht selten aus. Wichtig sind vor allem Erfahrungen mit komplexen Commerce-Prozessen, ERP-Strukturen und Datenlogiken. Eine gute Agentur denkt nicht nur in Schnittstellen, sondern betrachtet das gesamte Zusammenspiel von Shop, ERP und Geschäftsprozessen ganzheitlich.